Hochwasserschutz ist ein komplexes Thema und daher eine Aufgabe an der idealerweise verschiedenste Gruppen und Personen beteiligt sind: Politik, Verwaltung, Anlagenbetreiber, Umweltschutzgruppen, Anwohner und Einsatzkräfte, um nur einige zu nennen. Typischerweise sind die fachlichen Hintergründe der Beteiligten sehr verschieden und so stellt sich die Frage, wie man einerseits die Komplexität des Systems abbilden und andererseits die Beteiligten integrieren kann. Grafische System-Dynamics-Modelle in Verbindung mit speziellen Workshop-Techniken können hier ein Ansatz sein.
System-Dynamics
Die Methode System-Dynamics (SD) zeichnet sich als quantitative, grafisch basierte, objektorientierte Modelliermethode aus und wird seit den 1960er Jahren zur Abbildung und Simulation diverser Systeme von Umwelt bis Wirtschaft verwendet. Die großen Vorzüge der Methode sind ihre Fokussierung auf Rückkoppelungen, die stringente Unterscheidung von Beständen und Flüssen bzw. von Zeitpunkten und Zeitintervallen, ihre anwenderfreundliche grafische Oberfläche sowie die vergleichsweise einfache Gestaltung der hinterlegten Gleichungen: es genügen üblicherweise die Grundrechnungsarten und wenige logische Verknüpfungen; in der Verbindung zahlreicher derartiger Funktionen wird erst die Komplexität des Systems abgebildet.
Aufgrund dieser Eigenschaften ist es prinzipiell sogar Laien möglich, unter Anleitung eines Experten selbständig Modelle zu gestalten. Wichtiger noch ist die Tatsache, dass Programme zur SD-Modellierung zusätzlich zur Modellieroberfläche noch eine weitestgehend frei gestaltbare Oberfläche für spätere Nutzer des Modells zur Verfügung stellen – den sogenannten „Flugsimulator“. Damit werden SD-Modelle zu einem universell einsetzbaren Werkzeug, das bereits in der Entwicklung und besonders in der Nutzung allen Beteiligten zur Verfügung steht.
Workshops
Wie eingangs angesprochen bedeutet die Abbildung komplexer Systeme idealerweise auch die Einbindung verschiedenster Gruppen und Personen in diesen Prozess. Die Aufgabe hierbei ist eine gemeinsame Kommunikationsplattform zur Verfügung zu stellen. Selbst wenn alle grundsätzlich dasselbe Ziel haben, können durch Kommunikationsprobleme suboptimale Ergebnisse erzielt werden. Noch schwieriger wird es natürlich, wenn zusätzlich noch gegenläufige Interessen im Spiel sind – zum Konfliktmanagement aber später. Im ersten Workshop werden alle relevanten Sichtweisen in einem Brainstorming gesammelt, deren Vernetzung bestimmt und in einem qualitativen grafischen Modell zusammengefasst. Im nächsten Schritt erstellen Modellierexperten daraus das Grundgerüst des SD-Modells und hinterlegen bereits die Gleichungen. In einem zweiten Workshop wird das Modell präsentiert und besprochen und man beginnt mit der Datensammlung – entweder aus vorhandenen Datenbeständen, durch Vergabe von empirischen Aufgaben oder auch mittels begründeter Schätzungen. Anschließend wird das Modell von den Modellierern fertig gestellt, getestet und es werden Simulationen durchgeführt, welche später präsentiert werden. Ebenso möglich und für den Beteiligungsprozess sehr sinnvoll ist die Erstellung eines „Flugsimulators“, der es auch Laien ermöglicht, selbst Simulationen durchzuführen und sich so mit dem modellierten System vertraut zu machen.
Komplexität in Modellen
Die Hauptaufgabe in der Modellerstellung ist der Umgang mit Komplexität. Sie soll einerseits erhalten bleiben, andererseits soll das Modell nicht überfrachtet und kompliziert werden. Das Motto lautet daher: Komplexität ohne Kompliziertheit. Komplexität bedeutet, dass es sich um ein dynamisches, rückgekoppeltes System handelt, dessen Verhalten über die Zeit auch bei genauestem Studium des Zustands an einem Zeitpunkt nicht vorhergesagt werden kann. In der Realität ist üblicherweise auch das genaue Studium des Zeitpunkt-Zustandes nicht möglich, da sich das System ja dynamisch weiterentwickelt. Kompliziertheit hingegen bezeichnet ein Modell, das aus vielen Elementen besteht, sodass es nicht rasch erfasst werden kann, mit genügendem Aufwand aber vollkommen durchschaubar ist. Wir versuchen Kompliziertheit zu vermeiden, weil Modelle nicht eine Blackbox sein sollen, sondern auch dem Verständnis des Systems dienen und nicht nur dessen Berechnung. Komplexität aber ist für das Verständnis unumgänglich und muss daher erhalten bleiben.
Konfliktmanagement mit System Dynamics
Einen Aspekt von Komplexität können wir als Beobachter-Komplexität bezeichnen. Die unterschiedlichen Sichtweisen, sei es aufgrund unterschiedlicher fachlicher Hintergründe oder verschiedener Interessen, erzeugen einen zusätzlichen Level von Komplexität, sind jedoch zugleich ein sehr guter Ansatzpunkt um die „reale“ Komplexität eines Systems zu erfassen. Der Spruch, „Sind zwei derselben Meinung dann ist einer überflüssig“, zeigt auf, wie sehr wir Konflikte zur Erfassung von Komplexität brauchen. In der SD-Modellierung mithilfe von Workshops wird dem umfassend Rechnung getragen. In der ersten Phase werden prinzipiell alle Sichtweisen aufgenommen und miteinander in Verbindung gebracht, selbst wenn sie sich widersprechen. In einem gemeinsamen Verfahren werden anschließend Elemente zusammengefasst und zum Teil auch eliminiert, weil sie für die Hauptaussage nicht relevant sind. Hier ist anzumerken, dass es nicht ein Modell eines Systems gibt sondern verschiedene Modelle für verschiedene Zwecke. Das Entscheidende an diesem Prozess ist, dass er von allen gemeinsam durchgeführt wird und jede Anspruchsgruppe weiß, warum ein bestimmter Aspekt fehlt. So vermeidet man spätere Kritik aufgrund fehlender, nur marginal interessanter Aspekte. Ein weiteres Konfliktmanagement-Tool ist der Einsatz von mehreren Teams innerhalb der Workshop-Gruppe, welche Submodelle zu erstellen haben. Der Knackpunkt hier ist, dass jedes Team für die anderen Teams definiert, welche Schnittstellen sie von ihnen brauchen. Anstatt einen Konflikt mit einer anderen Gruppe auszutragen, werden die Unterschiede in der eigenen Gruppe herausgearbeitet, sind dort viel leichter zu bearbeiten und beide Gruppen treffen sich in der Mitte.
Zusammenfassung
System Dynamics eignet sich ausgezeichnet als Werkzeug für die Hochwasservorsorge, da eine Vielzahl von Sichtweisen in das Modell aufgenommen werden kann und der Prozess des Modellierens auch zum Konfliktmanagement genützt werden kann.



