Dieser Artikel zeigt die Parallelen von Marktwirtschaft und Religion auf und zeigt Wege aus der Krise, die durch den falschen Einsatz des Werkzeugs Markt enstanden ist.
Ich möchte am Beginn dieses Textes meine Leser um Ihr Wohlwollen ersuchen, weil sich mancher durch bestimmte Formulierungen herausgefordert fühlen könnte. Leider ist mir jedoch bewusst, dass es, wenn es um Religion geht, dieses Wohlwollen einfach nicht gibt. Da hat jeder seinen Kopf, oder besser Glauben, und wer meinen Text in die Ecke schmeißen oder verbrennen möchte, soll das ruhig tun. Ich hab’s ganz bestimmt verdient.
„Der Mammon wird angebetet wie ein Götze“, ist eines der häufigsten Argumente, wenn man über die religiösen Aspekte der Marktwirtschaft spricht. Das ist kein sehr stichhaltiges Argument. Vieles wird verehrt und angebetet, ohne daraus gleich eine Religion zu machen.
Viel spannender ist da die Frage nach der Heilsbotschaft. Ich setze voraus, dass, was Religion ausmacht, der Glaube an die Existenz einer höheren, das heißt außer- und vor allem oberhalb der Menschen stehenden, Macht ist, die das regelt, was wir selbst nicht auf die Reihe kriegen; eine Macht, die einen größeren, guten Plan verfolgt – und eben das ist die Heilsbotschaft, zumindest der großen monotheistischen Religionen. Ich muss betonen, dass es mir hier absolut nicht darum geht, zu beweisen, dass es eine oder mehrere dieser Mächte gibt oder nicht. Diese Frage ist letztlich unbeantwortbar.
Auf der Basis dieser Voraussetzung möchte ich die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Religion und Marktwirtschaft untersuchen, um zu zeigen, dass die Marktwirtschaft, so wie sie heute von ihren Priestern (den Wirtschaftswissenschaftern), ihren gläubigen Anhängern (den Unternehmern, Politikern und Konsumenten) und auch ihren Gegnern (etwa den Globalisierungskritikern) praktiziert wird, eine Religion ist.
Am Anfang der Bibel steht, dass der Mensch, als er vom Baum der Erkenntnis aß, die Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse erlangt hat. Unser aller Pech ist, dass mit Fähigkeiten immer auch Verpflichtungen einhergehen, die man erst erkennen kann, wenn man die Fähigkeit schon hat und dann ist es zu spät um sie noch abzulehnen. Der Mensch hat also nicht nur die Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse, sondern auch die Verpflichtung dazu – immer und immer wieder. Wenn man sich mal richtig in diesen Übergang hineinversetzt, kann man nachvollziehen, warum sich Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben fühlten und warum die folgenden Generationen von der Erbschuld sprachen, die die beiden uns aufgehalst hatten. Während mir ersteres, also die Vertreibung aus dem Paradies, schlüssig erscheint, ist letzteres, die Erbschuld, eine böse Unterstellung unseren Urahnen gegenüber. Um Schuld auf sich zu laden, muss man ja wissen, ob die eigene Handlung gut oder böse ist. Das wussten die beiden aber erst nach der Handlung. Ein heutiges Gericht würde sie freisprechen, da sie zum Zeitpunkt der Tat nicht schuldfähig waren.
Ein kleiner Exkurs ist hier angebracht: Nachdem Eva ja schon die Frucht gekostet hatte, war sie im Grunde schuldfähig, als sie Adam überredete, ebenfalls abzubeißen. Wir müssten also Eva wegen Anstiftung anklagen. Als Motiv käme in Frage, dass sie einfach nicht allein die folgende Strafe ausbaden wollte. Dagegen muss ich aber einige Argumente ins Rennen führen: Erstens hat unsere Sprache eine sequenzielle Struktur, und so ist es vielleicht auf diesen Umstand zurückzuführen, dass in der Erzählung einer vor dem anderen gegessen hat. Zweitens kann man in dieser Schuld die Quelle der seither weit verbreiteten Unterdrückung der Frauen sehen, man kann aber in Kombination mit erstens auch vermuten, dass der Erzähler, als er sich entscheiden musste, wen er als ersten essen lässt, sich für die Frau entschieden hat, weil sie zu seiner Zeit bereits als minderwertiger und schuldhafter angesehen wurde – ein Zirkel wie bei Henne und Ei. Drittens – und das ist ein Exkurs im Exkurs – bedarf es vielleicht mindestens zweier Menschen, um diese Fähigkeit überhaupt zu haben. Nur Gott allein kann das allein. Viertens – und das ist wohl das wichtigste Argument – hat sie möglicherweise mithilfe ihrer neuen Fähigkeit entschieden, dass es etwas Gutes ist, vom Baum der Erkenntnis zu essen und deswegen Adam dazu geraten.
Erst später, als neben der guten Fähigkeit auch die Verpflichtung deutlich wurde, und man von der „guten alten Zeit“ sprach, in der „alles viel einfacher war“, begann man einen Schuldigen zu suchen. Arme Eva. Ein Schicksal, das viele Vorreiter getroffen hat und noch immer trifft.
Und damit sind wir beim Später und beim Versuch, diesen „Fehler“ wieder auszubügeln. Und somit bei der Heilsbotschaft. Denn die sagt, du brauchst nicht selbst zu entscheiden, sondern das tut jemand anderer für dich. Also stieg Moses auf einen Berg und kam mit ein paar Steintafeln zurück, auf denen stand, wie die Menschen sich zu verhalten hatten. „Gott sei Dank“, sagten sie und meinten es auch ganz wörtlich, denn nun wussten sie endlich wieder, was gut und was böse ist, und mussten nicht mehr selbst entscheiden. Es gibt nämlich einen großen Unterschied zwischen Wissen und Entscheiden. Adam und Eva erhielten die Fähigkeit zu entscheiden und verloren damit das Wissen. Wer weiß, was gut und böse ist, braucht nicht zu entscheiden. Die Entscheidung ist also dem Wissen vorausgesetzt.
Nun wussten die Menschen also wieder, denn jemand anderer hatte ja für sie entschieden und eigentlich hätten sie damit zurück ins Paradies kommen sollen, wenn da nicht eine jener kleinen Gemeinheiten passiert wäre, die fast immer passieren, wenn ein Problem gelöst wird: es taucht ein anderes auf.
Die Menschen mussten nämlich jetzt entscheiden (sie waren also das Problem gar nicht losgeworden!), wie ihre ganz konkreten Handlungen in Bezug auf das Wissen einzuordnen seien. In Juristendeutsch gesprochen, welcher Sachverhalt welchem Tatbestand zuzuordnen ist. Man musste also entscheiden, ob eine konkrete Handlung eine Verletzung der Gebote war. Naiv könnte man meinen, das sei doch offensichtlich, aber einige Beispiele werden gleich erhellen, dass es das nicht ist. „Du sollst nicht stehlen“, ist eindeutig, aber ist es Stehlen, wenn sich einer was ausborgt, ohne den Besitzer zu fragen, weil der gerade nicht da ist und beteuert, es in einigen Tagen zurückgegeben zu haben? „Du sollst nicht ehebrechen“, ist eindeutig, aber – nun ja da kann sich jeder ein paar gute Ausreden selbst überlegen. Noch um vieles schwieriger wird’s bei, „Du sollst nicht begehren …“, denn da wird ja nicht einmal eine konkrete Handlung gesetzt, sondern bloß ein Gedanke.
Das berühmte „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ beschäftigt Teile der jüdischen Geistlichkeit daher auch bis zum heutigen Tag, wenn es etwa darum geht, dass ein Zweiäugiger auf einen Einäugigen getroffen ist. Hat der Zweiäugige dem Einäugigen das letzte Auge ausgestochen, muss man ihm dann nicht beide ausstechen, um Gerechtigkeit herzustellen? Hat der Einäugige aber dem Zweiäugigen ein Auge genommen, ist es dann gerecht, ihm sein letztes zu nehmen? Und wäre es überhaupt ein Verbrechen, wenn der Zweiäugige in das schon tote Auge des Einäugigen gestochen hat?
Wir sehen, der redliche Versuch, sich mittels Ge- und Verboten vom Entscheiden zu befreien, war bloß eine Problemverschiebung. Zurück ins Paradies kamen die Menschen damit nicht, unser irdisches Leben haben Gesetze aber bestimmt erleichtert und vor allem zivilisiert. Das ist wiederum die positive Seite am Problemverschieben: Man erreicht zwar nicht das, was man eigentlich wollte, aber positive Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen.
Einen Sohn Gottes, einen Buddha, einige Propheten und viele Philosophen später hat sich an diesem grundlegenden Problem nichts geändert. Hauptsächlich deshalb, weil sie – oder zumindest einige von ihnen – die Menschen lehren wollten, dass das mit der Schuld ein Missverständnis ist und der Mensch Eigenverantwortung trägt. Das war aber kein Heilsversprechen im erwünschten Sinn und daher blieben ihre Lehren ein Minderheitenprogramm, wenngleich die Mehrheit so tut, als würde sie ihnen folgen.
Konsequenterweise integrierten daher ihre selbsternannten Nachfolger die alten Religionen in die neue Lehre. Am schönsten zu sehen ist das wohl im Christentum, das nach zweitausend Jahren noch immer nicht verstanden hat, dass eine neue Zeit anbrechen hätte sollen. Mit der Idee des Jüngsten Gerichts wurde sogar noch eine Instanz geschaffen, die uns, wenn schon nicht auf Erden dann zumindest später, die Entscheidung abnimmt, welcher Sachverhalt zu welchem Tatbestand passt. Daher geht man auch über das Jüngste Gericht in das Paradies ein, weil man sich dort endlich der Bürde des Entscheiden-Müssens entledigt!
Und nun kommt die Heilsbotschaft der Marktwirtschaft ins Spiel. Sie lautet: Egal was der Einzelne tut, durch das Zusammenspiel aller Kräfte kommt am Ende was Gutes dabei raus.
Adieu ihr Sünden, lasst uns Geiz, Neid und Habgier feiern, denn egal wie böse das bei einem Menschen anmuten mag, im Ganzen dient es dem Guten! Wie schon Goethe feststellte ist es „die Macht, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Adam Smith, der Ahnherr der Ökonomie, nannte es die „Invisible Hand“, die unsichtbare Hand (und ich ergänze: Gottes), die lenkend wirkt.
Na wenn das keine Heilsbotschaft nach allgemeinem Geschmack ist!
Wer sich ein wenig mit Yin und Yang oder Aporien beschäftigt, wird sich auch nicht wundern, dass die Marktwirtschaft genau dort entstanden ist, wo der Kampf gegen die Sünde am erbittertsten ausgetragen wurde. Und er wird sich auch nicht wundern, dass sich heute ihre stärksten Gegner aus einer fundamentalistischen, fatalistischen Religion rekrutieren. Die ist nämlich ihr Spiegelbild.
Die Marktwirtschaft ist fundamentalistisch, weil sie keine Einmischung und Veränderung duldet. Selbst die Weiterentwicklung soll immer nach den Gesetzen des Marktes erfolgen. Und sie ist fatalistisch, weil der Einzelne nur mitschwimmen und den Zwängen der Gesamtheit folgen kann, seinem Schicksal also ausgeliefert ist. Dass sich junge Menschen aufgrund der Chancen am Arbeitsmarkt überlegen, welche Ausbildung sie machen, und Universitäten sich immer mehr den Erfordernissen des Marktes anpassen, ist nur ein Beispiel von vielen. Dass Menschen, die sich nicht derart anpassen, aus dem System fallen und negative Konsequenzen zu ertragen haben, ist aus der Sicht der Gläubigen bloß die gerechte Strafe für die Ungläubigen.
Wahre Gläubige sehen in ihrem Umfeld immer Beweise für die Existenz ihres Gottes und die Richtigkeit ihres Glaubens. Der Marktgläubige sieht in jedem Prozent BIP-Wachstum, in seinem dicken Auto und dem großen Fernseher jeden Tag die Wahrheit seines Gottes. Ebenso wie der Christ in jeder Blume, jedem Blatt und jedem Tier das Wirken seines Gottes erkennt. Und in jedem, dem es nicht so gut ergangen ist, sehen sie die Strafe ihres Gottes, weil sich dieser nicht richtig verhalten hatte.
Die Marktwirtschaft ist daher eine Religion und ihr Gott die Invisible Hand.
Jetzt dem Markt und seiner unsichtbaren, rechten Hand die Schuld an dem zu geben, was aufgrund ihrer Anbetung falsch läuft, ist aber ebenso eine religiöse Handlung und nützt auch nicht viel. Das Problem ist der Fundamentalismus, der einen aufgeklärten Blick auf die Stärken und Schwächen des Marktes verbietet. Dieser Fundamentalismus ist auch der Grund, warum ich eingangs geschrieben habe, dass es gar keinen Sinn macht, um das Wohlwollen meiner Leser zu bitten. Ein Fundamentalist kennt bei so einer Frage kein Wohlwollen. Dass Sie, lieber Leser, bis hierhin gekommen sind, liegt wohl daran, dass Sie keiner sind.
Nachdem wir also die fundamentalistischen Marktgläubigen abgeschüttelt haben, kann ich es ja sagen: Ich bin ein richtiger Fan der Marktwirtschaft!
Und nachdem ich mich jetzt gerade von allen fundamentalistischen Marktgegnern verabschiedet habe, können wir unter vernünftigen, aufgeklärten Menschen weitermachen. Die Mechanismen des Marktes sind genial: Er schafft es, ohne einen übergeordneten Planer, zu geringsten Kosten, das Beste für jeden zu liefern. Er ist ein wunderbares Werkzeug, wenn man weiß, wozu und wie man ihn einsetzt. Ein Hammer ist auch ein wunderbares Werkzeug – wenn man Nägel einschlagen will. Wendet man ihn auf Schrauben an, hat er nicht die gewünschte Wirkung. Weiß man nicht mit ihm umzugehen, schlägt man sich auf den Daumen. Niemand wäre so dumm, einen Hammer für jede handwerkliche Tätigkeit zu verwenden und niemand wäre so dumm, dem Hammer die Schuld zu geben, wenn das schief läuft. Wieso tun wir dann beides mit dem Markt?
Mit Überlegungen zum Funktionieren und Versagen von Märkten sind schon Bibliotheken gefüllt, also hier nur ein Punkt: Die Teilnehmer am Markt müssen in etwa gleich viel Macht besitzen. Sobald einer durch bestimmte Eigenschaften, Informationen oder den Ausschluss von Konkurrenten eine übermächtige Stellung einnimmt, versagt der Markt. So zu tun, als könnte der Markt diese Probleme von alleine lösen, ist eine dumme und bisweilen böswillige Unterstellung. Wobei die Dummheit meist bei den Priestern, hier Wissenschaftlern, und die Böswilligkeit bei den Pharisäern, also denen, die den Fehler des Systems durchschaut haben und ihn, statt aufzudecken, für sich selbst nutzen, zu finden ist.
Entscheidend ist also, durch Institutionen, die außerhalb des Marktes stehen, zu gewährleisten, dass der Markt richtig angewendet wird, und das Gute tun kann, zu dem er imstande ist.
Der freie Markt, ja die Freiheit im Allgemeinen, sind Paradoxa. Die absolute Freiheit ist ihr eigener Feind, da sie die Freiheit einschließt, sich selbst in Unfreiheit zu begeben. Im Schweizer Grundgesetz heißt es etwa, dass jeder Bürger frei ist – und sich dieser Freiheit nicht entledigen kann. Die Freiheit, sich der eigenen Freiheit zu entledigen, hat er also nicht.
Genau das braucht auch der freie Markt: Es muss verhindert werden, dass er sich seiner eigenen Freiheit entledigt. Und das muss durch eine von ihm getrennte Institution erfolgen. In der Schweiz ist diese Institution die Gemeinschaft der Bürger, der Staat, vertreten durch Gerichte, Regierung etc. Man sieht, dass die äußere Instanz durchaus aus denselben Mitgliedern bestehen kann, sie muss jedoch strukturell so verschieden sein, dass ein Versagen der einen Ebene nicht auch zu einem Versagen der anderen führt. Bei Märkten kennen wir noch keine ähnlichen Systeme, in denen sich Märkte gegenseitig betreuen und lenken. Was wir aber kennen sind Marktordnungen, Monopolverfahren und Markt-Regulatoren. Durch eine geringe Einschränkung der Freiheit des Marktes, stellen sie in Wahrheit seine Freiheit auf lange Sicht sicher.
Und sie tun noch etwas: Sie befreien den Markt davon, ein Heilsversprechen abgeben zu müssen, das er nicht einlösen kann, und führen die Menschen zu ihrer eigenen Fähigkeit und Verpflichtung zurück: Selbst zu entscheiden.



